Am 3. November 1931 kam in Rom ein Mädchen namens Maria Luisa Ceciarelli zur Welt. Unter dem Künstlernamen Monica Vitti wurde daraus die prägendste Schauspielerin des italienischen Nachkriegskinos: erst das melancholische Gesicht in Michelangelo Antonionis Filmen, dann der komödiantische Gegenentwurf dazu. Als sie am 2. Februar 2022 mit 90 Jahren starb, nannte Italiens Kulturminister Dario Franceschini sie schlicht die „Königin des italienischen Kinos».
Von Maria Luisa Ceciarelli zu Monica Vitti
Der Künstlername war eine Bastelarbeit. Den Nachnamen kürzte sie aus Vittiglia, dem Mädchennamen ihrer Mutter, den Vornamen hatte sie in einem Buch gelesen.1 1953 schloss sie die Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Silvio D’Amico ab, die wichtigste Schauspielschule des Landes. Zuerst stand sie auf der Bühne, das Kinodebüt folgte 1954.
Ihre erste Arbeit für Michelangelo Antonioni blieb unsichtbar: 1957 lieh sie in „Il grido» einer anderen Darstellerin die Stimme. Aus dieser Begegnung wurde eine Zusammenarbeit, die rund zehn Jahre hielt, und eine Beziehung dazu.
Die vier Filme, die alles veränderten
Zwischen 1960 und 1964 entstanden mit Antonioni vier Filme, die man heute als zusammenhängenden Zyklus liest: „L’avventura» (1960), „La notte» (1961), „L’eclisse» (1962) und „Il deserto rosso» (1964), Antonionis erster Farbfilm.2
Vitti spielte darin Frauen, die nicht weiterwissen. Das war neu, weil diese Filme auf Handlung im gewohnten Sinn weitgehend verzichten: Es wird gewartet, gegangen, geschwiegen. Die Kritik fasste das unter dem Stichwort incomunicabilità zusammen, der Unfähigkeit, einander zu erreichen, obwohl man nebeneinander lebt. „L’avventura» wurde bei der Premiere in Cannes 1960 ausgebuht und erhielt am Ende doch den Preis der Jury.
Warum diese Rollen bis heute nachwirken
Vittis Spiel funktioniert über Pausen. Sie liefert dem Publikum keine Erklärung mit, was ihre Figur gerade empfindet, und genau daran arbeiten sich Regisseurinnen und Kritiker seit sechs Jahrzehnten ab. Ohne diese vier Filme sähe das europäische Autorenkino der 1960er-Jahre anders aus.
Der Bruch: aus der Ikone wird eine Komikerin
1968 drehte sie mit Mario Monicelli „La ragazza con la pistola». Sie spielt eine Sizilianerin, die ihrem Verführer bis nach Grossbritannien nachreist, um die Familienehre wiederherzustellen, und dabei ihre eigene Freiheit entdeckt. Der Film wurde als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert, Vitti erhielt 1969 den David di Donatello als beste Hauptdarstellerin und den Nastro d’Argento.3
Danach war sie die einzige Frau, die in der Commedia all’italiana dauerhaft auf Augenhöhe mit Alberto Sordi, Vittorio Gassman, Nino Manfredi, Marcello Mastroianni und Ugo Tognazzi besetzt wurde.1 Aus dieser Phase stammen „Amore mio, aiutami» (1969), „Ninì Tirabusciò» (1970), „Dramma della gelosia» (1970) von Ettore Scola, „Polvere di stelle» (1973), „Teresa la ladra» (1973) und „L’anatra all’arancia» (1975).
International arbeitete sie unter anderem mit Joseph Losey („Modesty Blaise», 1966) und Luis Buñuel („Le fantôme de la liberté», 1974). 1980 holte Antonioni sie ein letztes Mal vor die Kamera, für das elektronisch bearbeitete Fernsehstück „Il mistero di Oberwald».
Die Auszeichnungen
Fünf David di Donatello als beste Hauptdarstellerin (1969, 1971, 1974, 1976 und 1979). Sieben italienische Golden Globes. 1984 den Silbernen Bären der Berlinale für „Flirt», geteilt mit Inna Tschurikowa. 1995 den Goldenen Löwen für das Lebenswerk in Venedig.2
Ein Oscar war nie darunter, auch keine Nominierung. Die Oscar-Nominierung von 1969 galt dem Film „La ragazza con la pistola» als italienischem Beitrag, nicht seiner Hauptdarstellerin.
Regie, Bücher und ein leiser Rückzug
1990 schrieb und inszenierte sie „Scandalo segreto» selbst. 1993 erschien ihre Autobiografie „Sette sottane», 1995 der Roman „Il letto è una rosa».4
Privat war sie in den 1970er-Jahren mit dem Kameramann Carlo Di Palma zusammen, der „Il deserto rosso» fotografiert hatte. 2000 heiratete sie den Regisseur Roberto Russo, der sie 1983 in „Flirt» inszeniert hatte und sie bis zuletzt begleitete. Ab den frühen 2000er-Jahren zog sie sich zurück; sie war an Alzheimer erkrankt und lebte die letzten anderthalb Jahrzehnte ohne öffentliche Auftritte.
Warum der 3. November
Der 3. November ist ihr Geburtstag, nicht ihr Todestag. Gestorben ist Monica Vitti am 2. Februar 2022 in Rom. Zu ihrem 90. Geburtstag erschien 2021 die Dokumentation „Vitti d’arte, Vitti d’amore».
Häufige Fragen
War Monica Vitti für einen Oscar nominiert?
Welche Filme sollte man zuerst sehen?
Woran ist Monica Vitti gestorben?
Quellen
- Treccani: Vitti, Monica, Enciclopedia Treccani. ↑
- Encyclopædia Britannica: Monica Vitti, Italian actress. ↑
- Wikipedia: Monica Vitti (Auszeichnungen und Filmografie). ↑
- European Film Academy: In memoriam Monica Vitti. ↑
Wer sich für weitere historische Jahrestage interessiert, findet auch in unserem Beitrag zur Schlacht bei Giornico von 1478 eine Einordnung.

