Angelikawurzel ist die getrocknete Wurzel der Echten Engelwurz (Angelica archangelica L.), einer bis zu zwei Meter hohen Doldenblüterpflanze, die in Nordeuropa und Sibirien heimisch ist. Die Wurzel enthält ätherische Öle sowie Cumarine und Furocumarine und wird in der europäischen Volksmedizin traditionell bei Verdauungsbeschwerden und Erkältungssymptomen eingesetzt. Wegen ihres intensiven, würzigen Aromas findet sie auch als Aromatisierungsmittel in Likören Verwendung.
| Botanischer Name | Angelica archangelica L. |
|---|---|
| Familie | Doldengewächse (Apiaceae) |
| Verwendete Teile | Wurzel (Radix Angelicae), auch Samen und Blätter |
| Hauptinhaltsstoffe | ätherisches Öl (α-Pinen, β-Phellandren), Furocumarine, Angelicin |
| Traditionelle Indikationen | Verdauungsbeschwerden, Erkältung, Bronchitis (HMPC-Monographie) |
| Besonderer Hinweis | Furocumarine sind phototoxisch; Schwangerschaft meiden |
Der Name «Archangelica» spiegelt die historische Hochschätzung wider: Engelwurz galt in der mittelalterlichen Medizin als Pflanze mit schützender Kraft. Heute ist die Wurzel in der europäischen Phytotherapie gut dokumentiert; das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der EMA hat eine Monographie zu traditionellen Anwendungen veröffentlicht. Klösterliche Brennereien nutzen Angelikawurzel als Aromastoff in Liqueuren wie Chartreuse und Bénédictine.
Botanik und Herkunft
Angelica archangelica ist eine zweijährige oder kurzlebig ausdauernde Pflanze mit hohlem, gestreiftem Stängel. Sie bevorzugt feuchte, nährstoffreiche Standorte an Bachufern und in Auwäldern. Typisch sind die grossen, dreiteiligen Fiederblätter und die kugeligen Dolden weisslich-gelblicher Blüten. In der Küche werden junge Blattstiele und Samen kandiert oder als Gewürz verwendet.
Inhaltsstoffe
Die Wurzel enthält ein komplexes Inhaltsstoffspektrum:
- Ätherisches Öl (0,2–1,3 %): α-Pinen, β-Phellandren, Limonen – verantwortlich für den aromatischen Duft
- Furocumarine (Bergapten, Xanthotoxin, Isoimperatorin): Diese Verbindungen machen die Pflanze phototoxisch – sie können bei Hautkontakt und anschliessender Sonneneinstrahlung Lichtdermatitis auslösen
- Cumarine (Angelicin, Osthol): Bitterartige Verbindungen, die zur verdauungsfördernden Wirkung beitragen sollen
- Phthalide und organische Säuren: Mitverantwortlich für den charakteristischen Geruch
Traditionelle Anwendungen und Studienlage
Gemäss der HMPC-Monographie der EMA ist Angelikawurzel für die traditionelle Anwendung bei milden krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen und Völlegefühl anerkannt – als «traditional herbal medicinal product», also aufgrund langjähriger Erfahrung, nicht aufgrund gut belegter klinischer Studien. Für Atemwegsbeschwerden wie Bronchialkatarrh besteht ebenfalls eine traditionelle Indikation.
Kontrollierte klinische Studien speziell für Angelikawurzel allein sind rar. Bekannter ist die Kombination mit Löwenzahn, Iberis und anderen Heilpflanzen in geprüften Phytopräparaten gegen funktionelle Dyspepsie, in denen Angelikawurzel-Extrakt als Komponente vorkommt.
Sicherheit, Risiken und rechtliche Einordnung
Wer mit frischer Angelikawurzel oder dem Saft in Berührung kommt und danach Sonnenlicht ausgesetzt ist, kann Phototoxizität (Photodermatitis) erleben: Rötung, Blasenbildung und Pigmentflecken. Im Umgang mit frischen Pflanzenteilen daher Handschuhe tragen und Sonne meiden. Angelikawurzel-Extrakte in Nahrungsergänzungsmitteln sind in der Schweiz rezeptfrei erhältlich; bei der Einnahme entsprechender Produkte gelten die Herstellerangaben.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Meiden – Furocumarine sind in hohen Dosen potentiell uterusstimulierende Verbindungen; keine ausreichenden Sicherheitsdaten.
- Kumarine und Blutgerinnung: Theoretisch können Cumarine die Wirkung von Gerinnungshemmern beeinflussen; bei Antikoagulationstherapie Arzt fragen.
- Verwechslungsgefahr: Angelica archangelica ähnelt dem hochgiftigen Gefleckten Schierling (Conium maculatum) und der Wiesenkerbel-Gattung. Wildsammlung nur von Sachkundigen.
Anwendungsformen
Im Handel erhältlich als Teezubereitung (getrocknete Wurzel), Tinktur, Flüssigextrakt und Kapsel. Für Teeanwendungen wird die getrocknete Wurzel mit heissem Wasser übergossen und ca. 10 Minuten ziehen gelassen. Als Aromatisierungsmittel findet sie sich in Bitterschnäpsen und Digestifs. Die Anwendung orientiert sich stets an den Angaben der jeweiligen Packungsbeilage oder einer fachkundigen Beratung.
Häufige Fragen
Für welche Beschwerden wird Angelikawurzel traditionell genutzt?
Traditionell bei milden Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Völlegefühl sowie bei katarrhalischen Erkrankungen der Atemwege – eingetragen als traditionelle Anwendung in der EMA-HMPC-Monographie.
Was ist Phototoxizität bei Angelikawurzel?
Die in der Wurzel enthaltenen Furocumarine können bei Hautkontakt und nachfolgender UV-Bestrahlung Hautreizungen bis zu Blasenbildung verursachen. Handschuhe tragen und Haut nach Kontakt mit frischer Pflanze vor Sonne schützen.
Darf ich Angelikawurzel in der Schwangerschaft trinken?
Nein – in der Schwangerschaft wird Angelikawurzel nicht empfohlen. Furocumarine und ätherische Öle können den Uterus beeinflussen; ausreichende Sicherheitsdaten fehlen.
Kann Angelikawurzel mit Medikamenten wechselwirken?
Cumarine können theoretisch die Blutgerinnung beeinflussen und bei gleichzeitiger Einnahme von Gerinnungshemmern wie Warfarin die Wirkung verstärken. Bei entsprechenden Therapien ärztlich abklären.
Gibt es Verwechslungsgefahren beim Wildsammeln?
Ja. Engelwurz ähnelt optisch dem stark giftigen Gefleckten Schierling (Conium maculatum). Wildsammlung daher nur durch botanisch versierte Personen.
Fazit
Angelikawurzel ist eine traditionell gut bekannte Heilpflanze der europäischen Phytotherapie, deren Anwendung bei milden Verdauungsbeschwerden durch die EMA-HMPC-Monographie abgesichert ist. Die Furocumarin-Phototoxizität erfordert Vorsicht beim Umgang mit frischen Pflanzenteilen. Klinische Evidenz aus hochwertigen Studien bleibt begrenzt; für eine fundierte medizinische Anwendung empfiehlt sich fachkundige Beratung.
Quellen
- EMA/HMPC: Community herbal monograph on Angelica archangelica L., radix (EMA/HMPC/329498/2010).
- Wichtl M. (Hg.): Teedrogen und Phytopharmaka, 6. Aufl., Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
- Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.) – Monographie Angelikawurzel (Angelicae radix).
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.
