Acidophilus

Kurze Antwort

Acidophilus bezeichnet Bakterienstämme der Art Lactobacillus acidophilus, die als Probiotikum in fermentierten Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt werden. Die Bakterien besiedeln natürlicherweise den menschlichen Darm sowie die Vaginalflora und gelten als wichtiger Teil der gesunden Mikrobiota. Entdeckt wurden sie um 1900.

Acidophilus auf einen Blick
Wissenschaftlicher Name Lactobacillus acidophilus
Typ Milchsäurebakterium, grampositiv, anaerob
Vorkommen Dünn- und Dickdarm, Vaginalflora, fermentierte Lebensmittel
Typische Dosis (Supplement) 1–10 Milliarden KBE (CFU) täglich
Quellen in Lebensmitteln Joghurt (mit Lebendkulturen), Kefir, Acidophilus-Milch, Sauerkraut
Zugelassene EU-Aussagen Keine spezifischen Health Claims für L. acidophilus zugelassen

Probiotische Bakterien wie L. acidophilus sind seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung. Viele Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse, doch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat bisher keine spezifischen gesundheitsbezogenen Aussagen für diesen Stamm zugelassen. Was bedeutet das in der Praxis – und wofür eignet sich die Einnahme?

Herkunft und Geschichte

Dass Milchsäurebakterien nützlich für den Menschen sein könnten, postulierte der russische Zoologe Ilja Metschnikow Anfang des 20. Jahrhunderts. Er beobachtete, dass bulgarische Bauern, die viel fermentierte Milch assen, besonders alt wurden. Lactobacillus acidophilus wurde 1900 erstmals isoliert und beschrieben. Heute zählt der Stamm zu den am besten erforschten probiotischen Bakterien überhaupt.

Wie L. acidophilus im Darm wirkt

Die Bakterien heften sich an die Darmschleimhaut, vermehren sich dort und konkurrieren mit potenziell schädlichen Keimen um Nährstoffe und Haftungsstellen. Ausserdem produzieren sie Milchsäure, die das lokale pH-Umfeld leicht absenkt und ein Milieu schafft, in dem viele Erreger schlechter gedeihen. Dieser Mechanismus wird in der Forschung als «kolonisationsresistenz» bezeichnet.

Wofür Acidophilus eingesetzt wird

Obwohl keine EU-Health-Claims genehmigt sind, werden Acidophilus-Präparate in verschiedenen Bereichen untersucht und traditionell eingesetzt:

  • Verdauungsbeschwerden: Mehrere Studien weisen auf eine positive Wirkung bei Antibiotikaassoziierter Diarrhö hin – die Bakterien sollen nach einer Antibiotikakur die gestörte Darmflora wieder aufbauen.
  • Reizdarmsyndrom (IBS): Kleinere Studien zeigen eine Reduktion von Blähungen und Bauchschmerzen; die Evidenz reicht aber nicht für eine Heilaussage aus.
  • Vaginale Gesundheit: L. acidophilus ist ein natürlicher Bestandteil der Vaginalflora. Studien untersuchen den Einsatz bei bakterieller Vaginose, bisher mit gemischten Ergebnissen.
  • Laktoseintoleranz: Die Bakterien produzieren Laktase und können helfen, Milchzucker besser zu verdauen.
  • Cholesterin: Tierstudien deuten auf eine mögliche cholesterinsenkende Wirkung hin; beim Menschen ist die Datenlage noch unzureichend.

Wichtig: Alle diese Bereiche sind wissenschaftlich interessant, aber noch nicht hinreichend belegt, um als Heilversprechen zu gelten.

Lebensmittelquellen und Supplemente

Die einfachste Art, L. acidophilus aufzunehmen, ist über fermentierte Lebensmittel. Achte beim Joghurt auf den Hinweis «enthält lebende Kulturen» – pasteurisierte Produkte enthalten keine Lebendkeime mehr.

Quellen für L. acidophilusJoghurt (lebend)hoch – Milliarден KBE/PortionKefirsehr hoch – 10–30 Mrd KBE/PortionAcidophilus-MilchmittelSauerkraut (roh)variabelNahrungsergänzung1–10 Mrd KBE – standardisiert
Fermentierte Lebensmittel liefern L. acidophilus in natürlicher Umgebung; Supplemente bieten standardisierte Dosen.

Dosierung und Sicherheit

Bei Supplementen werden typisch 1–10 Milliarden KBE (koloniebildende Einheiten) pro Tag verwendet. Es gibt keinen offiziellen Richtwert. Die meisten Studien verwenden 1–2 Kapseln täglich über mehrere Wochen. Für gesunde Erwachsene gilt L. acidophilus als gut verträglich; typische Nebenwirkungen in der Eingewöhnungsphase sind leichte Blähungen.

Wer Vorsicht walten lassen sollte

Menschen mit geschwächtem Immunsystem (z. B. während einer Chemotherapie), schweren Grunderkrankungen, künstlichen Herzklappen oder Leberzirrhose sollten probiotische Präparate nur nach Rücksprache mit einer Ärztin oder einem Arzt einnehmen. Es gibt seltene Berichte über Infektionen bei stark immungeschwächten Personen. Schwangere sollten ebenfalls ärztlichen Rat einholen.

Häufige Fragen

Ist Acidophilus dasselbe wie Probiotika?

Nicht ganz. Probiotika ist der Oberbegriff für alle lebenden Mikroorganismen, die in ausreichender Menge einen Gesundheitsnutzen bringen sollen. L. acidophilus ist ein spezifischer Probiotikastamm – einer von vielen, die in Ergänzungsmitteln eingesetzt werden.

Wie unterscheidet sich Acidophilus von Bifidus?

Beide sind Milchsäurebakterien, doch sie besiedeln unterschiedliche Darmabschnitte: L. acidophilus ist vor allem im Dünndarm zu finden, Bifidobacterium-Stämme hauptsächlich im Dickdarm. Viele Probiotika kombinieren beide Gattungen.

Muss man Acidophilus immer kühl lagern?

Das hängt vom Produkt ab. Lebendkulturen in frischen Lebensmitteln brauchen Kühlung. Manche Kapselprodukte sind durch Verkapselungstechnologien lagerstabil; die Packungsangaben sind verbindlich.

Wie lange sollte man Acidophilus einnehmen?

Studien laufen oft 2–8 Wochen. Eine dauerhafte Einnahme ist möglich, aber nicht zwingend nötig – eine abwechslungsreiche Ernährung mit fermentierten Lebensmitteln unterstützt die Darmflora laufend.

Gibt es Wechselwirkungen mit Antibiotika?

Antibiotika töten auch Probiotika-Keime ab. Deshalb empfiehlt es sich, das Acidophilus-Präparat zwei bis drei Stunden nach der Antibiotikagabe einzunehmen – nicht gleichzeitig.

Fazit

Lactobacillus acidophilus ist ein gut erforschter Milchsäurebakterienstamm, der als Teil einer abwechslungsreichen Ernährung oder als Nahrungsergänzung eingesetzt werden kann. Für gesunde Menschen ist die Einnahme sicher. Heilversprechen – etwa bei Krankheiten – sind in der EU nicht zulässig und wissenschaftlich nicht hinreichend belegt. Wer etwas für seinen Darm tun möchte, kann mit fermentierter Ernährung starten, bevor er zu Kapseln greift.

Quellen

  1. EFSA Journal: Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to L. acidophilus (2010).
  2. Farnworth, E. R. (Hrsg.): Handbook of Fermented Functional Foods. CRC Press.
  3. Sanders, M. E.: Probiotics: Definition, Sources, Selection, and Uses. Clinical Infectious Diseases, 2008.

Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.