Melatonin ist ein körpereigenes Hormon der Zirbeldrüse (Epiphyse), das den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen steuert. Nachts steigt die Ausschüttung an und signalisiert dem Körper, dass es Zeit zum Schlafen ist. Licht – besonders blaues Kunstlicht – hemmt die Produktion. In der Schweiz und den meisten EU-Ländern gilt Melatonin als Arzneimittel.
| Typ | Hormon (Indolamin), gebildet aus Serotonin |
|---|---|
| Bildungsort | Zirbeldrüse (Epiphyse) im Gehirn |
| Entdeckung | Aaron Lerner, 1958 (Yale University) |
| Tagesrhythmus | nächtlicher Anstieg, tagsüber niedrig |
| Rechtsstatus CH/EU | überwiegend verschreibungspflichtig (Arzneimittel) |
| Häufige Anwendung | Jetlag, Schlafstörungen, verzögertes Schlafphasensyndrom |
Melatonin ist das Hormon der Dunkelheit. Sobald es dunkel wird, beginnt die Zirbeldrüse mit der Produktion – die sogenannte Dim-Light-Melatonin-Onset (DLMO), das Einsetzen der Ausschüttung bei schwacher Beleuchtung, gilt als zuverlässiger Marker für den inneren Rhythmus. In Zeiten von Bildschirmlicht bis Mitternacht kommt dieses Signal bei vielen Menschen zu spät. Dieser Artikel erklärt die Biologie hinter Melatonin und was du über die Rechtslage wissen musst.
Wie der Körper Melatonin bildet
Die Produktionskette beginnt mit der Aminosäure Tryptophan: Tryptophan → Serotonin → N-Acetylserotonin → Melatonin. Licht hemmt einen entscheidenden Schritt dieser Kette. Daher ist das blaue Spektrum von LED-Bildschirmen (470 nm) besonders wirksam darin, die Melatoninproduktion zu verzögern. Die natürliche Dunkelpause von 8–10 Stunden reicht dem Körper normalerweise, um ausreichend Melatonin zu bilden.
Der zirkadiane Rhythmus
Melatonin ist Teil der „inneren Uhr», des zirkadianen Rhythmus. Dieser 24-Stunden-Taktgeber sitzt im suprachiasmatischen Kern (SCN) des Hypothalamus und synchronisiert sich täglich über Lichtreize. Schichtarbeit, Jetlag oder unregelmässige Schlafzeiten können diesen Rhythmus verschieben.
Melatonin und Jetlag
Am besten belegt ist die Wirkung von Melatonin bei Jetlag: Eingenommen zum richtigen Zeitpunkt am Reiseziel kann es helfen, den inneren Takt schneller zu verschieben. Die Cochrane-Datenbank bewertet Melatonin als wirksam zur Linderung von Jetlag-Symptomen bei Flugreisen über mehrere Zeitzonen. Das ist keine therapeutische Heilaussage, sondern eine gut untersuchte physiologische Anwendung. In der CH ist Melatonin hierfür trotzdem rezeptpflichtig.
Melatonin als Arzneimittel: Rechtslage in der Schweiz und EU
In der Schweiz ist Melatonin als Arzneimittel eingestuft und verschreibungspflichtig (Swissmedic). In der EU ist die Lage uneinheitlich: In Deutschland und Österreich ist es ebenfalls verschreibungspflichtig. In manchen EU-Ländern (z.B. Niederlande, Irland) sind niedrigdosierte Melatonin-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. Präparate aus dem Ausland, die in der Schweiz unkontrolliert eingenommen werden, sind rechtlich problematisch.
Dosierung, Zeitpunkt und Wechselwirkungen
Studien verwenden meist 0,5–5 mg Melatonin, wobei geringere Mengen (0,5–1 mg) physiologisch näher an der natürlichen Ausschüttung liegen. Der Zeitpunkt der Einnahme – typischerweise 30–60 Minuten vor dem gewünschten Schlafzeitpunkt – ist entscheidend. Zu beachten sind mögliche Wechselwirkungen mit:
- gerinnungshemmenden Medikamenten (Verstärkung möglich)
- Antiepileptika und Immunsuppressiva (Interaktion möglich)
- Alkohol (gegenseitige Verstärkung der sedierenden Wirkung)
- Antidepressiva der SSRI/SNRI-Klasse
Häufige Fragen
Warum schüttet der Körper nachts Melatonin aus?
Melatonin signalisiert dem Körper, dass es dunkel ist, und leitet Schlafbereitschaft ein. Es synchronisiert viele physiologische Prozesse – von der Körpertemperatur bis zum Immunsystem – auf den 24-Stunden-Rhythmus.
Kann man Melatonin in der Schweiz ohne Rezept kaufen?
Nein. In der Schweiz ist Melatonin als Arzneimittel verschreibungspflichtig (Swissmedic-Klassierung). Apothekenrezeptfreie Schlafmittel mit Melatonin wie in einigen EU-Ländern sind hierzulande nicht legal erhältlich.
Hilft Melatonin bei Jetlag?
Ja – Melatonin gehört zu den am besten belegten Mitteln bei Jetlag. Es kann helfen, die innere Uhr nach Flugreisen über viele Zeitzonen schneller anzupassen. Ärztliche Beratung über Zeitpunkt und Dosis ist empfehlenswert.
Welche Nebenwirkungen hat Melatonin?
Häufig: Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel. In höheren Dosen sind Stimmungsveränderungen, Bauchschmerzen und Albträume beschrieben. Langzeitfolgen bei dauerhafter Einnahme sind nicht vollständig erforscht.
Kann Bildschirmlicht die Melatoninproduktion stören?
Ja. Blaues Licht (um 470 nm Wellenlänge) aus Smartphones, Tablets und Monitoren hemmt die Melatoninproduktion besonders effektiv. „Nachtmodus»-Filter können helfen, reichen aber nicht vollständig aus.
Fazit
Melatonin ist ein faszinantes Hormon mit klarer Rolle im Schlaf-Wach-Rhythmus. In der Schweiz ist es Arzneimittel und verschreibungspflichtig – das bedeutet: Eigenbehandlung ohne ärztliche Abklärung ist nicht ratsam. Wer unter Schlafproblemen leidet, sollte zuerst die Schlafhygiene verbessern und danach ärztlichen Rat einholen.
Quellen
- Herxheimer A, Petrie KJ – „Melatonin for the prevention and treatment of jet lag», Cochrane Database of Systematic Reviews, 2002.
- Swissmedic – Arzneimittelinformationen Circadin (Melatonin retard).
- EFSA – Scientific Opinion on melatonin, 2010.
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.
