Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist eine in Europa weit verbreitete Heilpflanze, deren standardisierter Extrakt in mehreren Meta-Analysen eine vergleichbare Wirksamkeit wie synthetische Antidepressiva bei leichten bis mittelschweren Depressionen zeigte. Der Hauptwirkstoff Hyperforin hemmt die neuronale Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Wichtig: Johanniskraut hat relevante Wechselwirkungen mit zahlreichen verschreibungspflichtigen Medikamenten.
| Botanik | Hypericum perforatum L., Familie Hypericaceae |
|---|---|
| Wichtigste Wirkstoffe | Hyperforin, Hypericin, Flavonoide (Quercetin, Rutin, Hyperosid) |
| Darreichung | Trockenextrakt (Kapseln, Dragees, Tabletten), Rotöl (äusserlich) |
| Regulierung CH/EU | Pflanzliches Arzneimittel (bei Depression: rezeptpflichtig ab mittlerer Dosierung in DE/CH) |
| Wirkungseintritt | 2–4 Wochen bei kontinuierlicher Einnahme |
| Wichtigste Kontraindikation | Viele Arzneimittelwechselwirkungen (CYP-Enzym-Induktion), Photosensibilisierung |
Der Name geht auf den Blütezeitpunkt um den Johannistag (24. Juni) zurück. Die gelben Blüten der ausdauernden Pflanze enthalten kleine Öldrüsen, durch die beim Zerreiben ein rotes Öl tritt – daher der Name «Rotöl» für äusserliche Zubereitungen. Die Pflanze wächst an Böschungen, Trockenrasen und Waldrändern in ganz Europa und Westasien.
Wirkmechanismus von Hyperforin
Hyperforin ist der beststudierte Wirkstoff des Johanniskrauts. Es hemmt einen Natrium-abhängigen Kotransporter (SERT/NET/DAT), was die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin aus dem synaptischen Spalt verlangsamt – ähnlich wie moderne SSRIs und SNRIs. Andere Inhaltsstoffe wie Hypericin und Flavonoide tragen ebenfalls zur Gesamtwirkung bei; ihre Einzelwirksamkeit ist schwieriger zu isolieren.
Standardisierung ist entscheidend
Tees aus Johanniskraut enthalten zu wenig Hyperforin für eine messbare antidepressive Wirkung. Für klinisch relevante Effekte braucht es standardisierte Trockenextrakte mit mindestens 0,3 % Hypericin oder 3–5 % Hyperforin, in einer täglichen Dosis von 300–900 mg Extrakt.
Belegte Anwendungsbereiche
Leichte bis mittelschwere Depression
Mehr als 30 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und mehrere Cochrane-Metaanalysen belegen die Wirksamkeit gegenüber Placebo und bestätigen vergleichbare Effekte zu SSRIs bei leichten bis mittelschweren Depressionen (Pubmed 31331546). Für schwere Depressionen ist die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt – hier ist ärztliche Behandlung zwingend.
Schlafstörungen
Da Schlafstörungen häufig mit Depressivität verknüpft sind, verbessert Johanniskraut auch die Schlafqualität indirekt. Es beeinflusst die Melatoninproduktion über neuronale Wege. Die Wirkung bei primären Schlafstörungen ohne depressive Komponente ist weniger gut belegt (Pubmed 29034955).
Rotöl (äusserliche Anwendung)
Das klassische Johanniskraut-Rotöl (Auszug in Olivenöl) wird traditionell bei Wunden, leichten Verbrennungen und Muskelverspannungen angewendet. Gerbstoffe und Flavonoide wirken antimikrobiell und entzündungshemmend. Der Beleg für klinische Überlegenheit gegenüber konventionellen Wundmitteln ist begrenzt; es gibt aber positive klinische Hinweise (Pubmed 30536388).
Wichtige Wechselwirkungen und Sicherheit
Johanniskraut induziert das Leberenzym CYP3A4 und das Transportprotein P-Glykoprotein. Das beschleunigt den Abbau vieler Arzneimittel und kann deren Wirksamkeit erheblich verringern:
- Gerinnungshemmer (z. B. Warfarin): verminderte Wirkung, erhöhtes Thromboserisiko.
- HIV-Proteasehemmer: stark verminderter Plasmaspiegel, Therapieversagen möglich.
- Immunsuppressiva (z. B. Ciclosporin): Transplantatabstossungsreaktionen dokumentiert.
- Pille (hormonale Kontrazeptiva): verminderter Schutz vor Schwangerschaft.
- Andere Antidepressiva (SSRI): Serotonin-Syndrom-Risiko bei Kombination.
- Photosensibilisierung: helle Haut und intensive Sonneneinstrahlung können zu Hautreizungen führen.
Häufige Fragen
Kann Johanniskraut Antidepressiva ersetzen?
Bei leichten Depressionen zeigen Studien ähnliche Effekte wie SSRIs bei weniger Nebenwirkungen. Bei mittelschweren Depressionen sollte die Entscheidung mit einer Ärztin oder einem Arzt getroffen werden. Schwere Depressionen erfordern professionelle psychiatrische Behandlung; Johanniskraut ist kein Ersatz.
Wie lange muss ich Johanniskraut einnehmen, bis es wirkt?
In der Regel 2–4 Wochen täglicher Einnahme. Erste Effekte sind teils früher spürbar. Nicht nach einer Woche abbrechen und als wirkungslos abschreiben.
Darf ich Johanniskraut mit der Pille kombinieren?
Nein, ohne ärztliche Abklärung. Johanniskraut kann den Hormonspiegel der Pille senken und den Verhütungsschutz verringern. Zusätzliche Verhütungsmassnahmen sind nötig.
Was ist Rotöl, und wie wende ich es an?
Johanniskraut-Rotöl ist ein Auszug der Blüten in Olivenöl oder einem anderen Trägeröl. Es wird äusserlich bei Wunden, leichten Verbrennungen (nach Abkühlen) und Muskelverspannungen eingerieben. Nicht auf offene Wunden auftragen; Lichtschutz danach beachten (Photosensibilisierung).
Ist Johanniskraut-Tee genauso wirksam wie Kapseln?
Nein. Die Hyperforin-Konzentration in selbst aufgebrühtem Tee ist zu gering und schwankend. Für eine messbare antidepressive Wirkung braucht es standardisierte Trockenextrakte in Kapseln oder Dragees.
Fazit
Johanniskraut ist die am besten belegte pflanzliche Option bei leichten bis mittelschweren Depressionen – mit Effekten vergleichbar zu SSRIs, aber einer anderen Nebenwirkungsrate. Die bedeutenden Arzneimittelwechselwirkungen sind kein Randthema, sondern müssen vor jedem Beginn geprüft werden. Das Rotöl hat als äusseres Mittel eine lange Tradition und begrenzte klinische Belege. Wer Johanniskraut als Nahrungsergänzungsmittel oder Arzneimittel einnehmen möchte, sollte eine Ärztin oder einen Arzt oder Apotheke einbeziehen.
Quellen
- Linde K. et al.: «St John’s wort for major depression», Cochrane Database Syst Rev, 2008 (Pubmed 18843608).
- Apaydin E. A. et al.: «A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder», PLOS ONE, 2016 (Pubmed 27589952).
- Kasper S. et al.: «Superior efficacy of St John’s wort extract WS 5570 in mild to moderate depression», Pharmacopsychiatry, 2010 (Pubmed 20582768).
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.

