Baldrian

Kurze Antwort

Baldrian (Valeriana officinalis L.) ist eine ausdauernde Pflanze, deren Wurzel und Rhizom in der europäischen Phytotherapie vor allem bei Einschlafstörungen und nervösen Spannungszuständen eingesetzt werden. Der charakteristische, bei Trocknungsprozess entstehende intensive Geruch der Wurzel geht auf Isovaleriansäure zurück. Als pflanzliches Schlaf- und Beruhigungsmittel ist Baldrian in der Schweiz und Deutschland als traditionelles Arzneimittel zugelassen.

Baldrian auf einen Blick
Botanischer Name Valeriana officinalis L.
Familie Baldriangewächse (Valerianaceae)
Verwendete Teile Wurzel und Rhizom (Radix Valerianae)
Hauptinhaltsstoffe Valerensäure, Valepotriate, Flavonoide (Linarin, Hesperidin), GABA
Traditionelle Indikationen Einschlafstörungen, nervöse Unruhe, Angstzustände (HMPC-Monographie)
Zulassung Traditionelles Arzneimittel (CH/DE); EU-HMPC-Monographie vorhanden

Baldrian wird seit der Antike als Beruhigungs- und Schlafmittel eingesetzt; Hippokrates und Dioskurides erwähnen ihn. Der Name leitet sich möglicherweise vom lateinischen «valere» (gesund sein, stark sein) ab. Heute ist Baldrian eines der meistgekauften pflanzlichen Schlafmittel in Europa; er liegt in Apotheken und Drogerien in Form von Tee, Kapseln, Tabletten und Tinkturen vor.

Inhaltsstoffe

Das Wirkungsprofil von Baldrian ist komplex; es handelt sich um ein multikomponentiges Phytopräparat:

  • Valerensäure und Acetylvalerensäure: Sesquiterpencarbonsäuren, die nachweislich am GABA-A-Rezeptor wirken (positive Modulation, ähnlich wie Benzodiazepine – aber schwächer und ohne nachgewiesenes Abhängigkeitspotenzial)
  • Valepotriate (z. B. Valtrat, Isovaltrat): Iridoidglykoside mit sedativen Eigenschaften in vitro; nur in frischen Drogen und alkoholischen Tinkturen enthalten, da sie bei Trocknungsprozessen zerfallen
  • Flavonoide (Linarin, Hesperidin): Pflanzliche Polyphenole mit anxiolytischem Potenzial in Tierversuchen
  • Freie Aminosäuren (GABA, Glutamin): Geringe Mengen; ob oral aufgenommenes GABA die Blut-Hirn-Schranke überwindet, ist umstritten
Baldrian – Inhaltsstoffe und WirkebenenValerensäureGABA-A-Modulation(bestbelegt)Valepotriatesedativ in vitronur frisch/TinkturFlavonoideLinarin, Hesperidinanxiolytisch (Tier)GABAfreie AminosäureZNS-Übertritt fraglich
Die GABA-A-Rezeptormodulation durch Valerensäure gilt als der bislang am besten belegte Wirkungsmechanismus des Baldrians.

Studienlage

Die klinische Studienlage zu Baldrian ist gemischt. Mehrere randomisierte kontrollierte Studien zeigen eine Verbesserung der subjektiven Schlafqualität; die methodische Qualität ist aber häufig eingeschränkt (kleine Fallzahlen, kurze Laufzeiten, unterschiedliche Extrakte). Ein systematischer Cochrane-Review (2006) kommt zum Schluss, dass Baldrian bei Schlafstörungen möglicherweise hilfreich ist, aber keine starke Schlussfolgerung möglich ist. Das EU-HMPC klassifiziert Baldrian daher als «traditional use» (traditionelle Anwendung), nicht als «well-established use».

Anwendung und Dosierung

Für Teeaufgüsse werden 3–5 g getrocknete Wurzel mit heissem Wasser (ca. 80 °C, nicht kochend) übergossen und 5–10 Minuten ziehen gelassen. Für einen Schlafeffekt wird die Einnahme 30–60 Minuten vor dem Zubettgehen empfohlen; bei regelmässiger Einnahme zeigen manche Studien eine bessere Wirkung nach 2–4 Wochen. Kapseln und Tabletten werden standardisiert auf Valerensäure oder Trockenextrakt dosiert – gemäss Packungsbeilage.

Sicherheit und Wechselwirkungen

Baldrian gilt als gut verträglich; unerwünschte Wirkungen sind selten und meist mild (Kopfschmerzen, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden). Abhängigkeit wurde bei therapeutischen Dosierungen nicht beobachtet. Dennoch gilt:

  • Sedativa und Benzodiazepine: Additive Schläfrigkeit möglich; nicht ohne Rücksprache kombinieren
  • Alkohol: Verstärkte sedierende Wirkung; Kombination meiden
  • Kinder unter 3 Jahren und Schwangere: Wegen fehlender Daten meiden
  • Autofahren und Bedienung von Maschinen: Bei spürbarer Schläfrigkeit vorsichtig sein; vor allem beim Start der Einnahme

Häufige Fragen

Macht Baldrian abhängig?

Nach aktuellem Wissenstand und EMA-Monographie hat Baldrian in therapeutischen Dosierungen kein nachgewiesenes Abhängigkeitspotenzial – das ist ein wichtiger Unterschied zu Benzodiazepinen, die häufig bei Schlafstörungen eingesetzt werden.

Wann wirkt Baldrian am besten?

Für einen einmaligen Schlafeinsatz nimmt man Baldrian 30–60 Minuten vor dem Zubettgehen. Bei Dauertherapie zeigen einige Studien bessere Effekte nach 2–4 Wochen kontinuierlicher Einnahme.

Kann ich Baldrian mit Passionsblume oder Hopfen kombinieren?

Kombininatspräparate aus Baldrian, Passionsblume und Hopfen sind in der Phytotherapie gebräuchlich und gut verträglich. Diese Kombination ist auch in Fertigpräparaten erhältlich. Klinische Daten zur Überlegenheit gegenüber Baldrian allein sind begrenzt.

Wirkt Baldrian bei Angst?

Es gibt Hinweise aus Laborstudien und einigen kleinen klinischen Studien auf anxiolytische Effekte. Eine gesicherte klinische Evidenz für Angststörungen fehlt; Baldrian ist kein Ersatz für ärztlich betreute Behandlung von Angststörungen.

Wie lange darf ich Baldrian einnehmen?

Die EMA-Monographie empfiehlt, bei ausbleibendem Effekt nach vier Wochen eine medizinische Beratung einzuholen. Für langfristige Einnahme über mehrere Monate fehlen Sicherheitsdaten; bei chronischen Schlafproblemen ärztlich abklären.

Fazit

Baldrian ist ein gut verträgliches, traditionelles Phytopräparat, das bei milden Schlafstörungen und nervöser Unruhe eine Option darstellt. Die klinische Evidenz ist vorhanden, aber nicht stark; er eignet sich als niederschwellige Massnahme, ersetzt aber keine medizinische Abklärung bei anhaltenden Schlafproblemen. Ein klarer Vorteil gegenüber Benzodiazepinen ist das fehlende Abhängigkeitspotenzial.

Quellen

  1. EMA/HMPC: Community herbal monograph on Valeriana officinalis L., radix (EMA/HMPC/340719/2005 Rev. 2).
  2. Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.) – Monographie Baldrianwurzel (Valerianae radix).
  3. Bent S. et al.: Valerian for sleep: a systematic review and meta-analysis. Am J Med. 2006;119(12):1005–12.

Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.