Lysin

Kurze Antwort

Lysin ist eine essentielle Aminosäure, die der Körper nicht selbst herstellen kann und die in Getreide-basierten Ernährungsweisen häufig als limitierende Aminosäure auftritt – das heisst, sie ist in so geringen Mengen vorhanden, dass sie die Aufnahme anderer Aminosäuren aus dieser Mahlzeit begrenzt. Lysin ist Baustein von Kollagen, förderlich für die Calciumaufnahme und an der Carnitin-Biosynthese beteiligt. Besonders reich enthalten ist es in Fleisch, Fisch, Milchprodukten und Hülsenfrüchten.

Lysin auf einen Blick
Typ essentielle Aminosäure
WHO-Richtwert ca. 30 mg/kg Körpergewicht täglich (Erwachsene)
Limitierung in Getreide (Weizen, Mais, Reis) die erste limitierende AS
Wichtige Quellen Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Quinoa
Schlüsselfunktionen Kollagenbildung, Calciumabsorption, Carnitin-Biosynthese
HSV-Forschung Lysin konkurriert mit Arginin – Zusammenhang mit Herpes simplex in Forschung

Lysin wurde 1889 von Edmund Drechsel aus dem Protein Casein isoliert. Es gehört zu den basischen Aminosäuren (positiv geladen bei physiologischem pH) und ist mit dem WHO-Richtwert von ca. 30 mg/kg Körpergewicht täglich die Aminosäure mit einem der höchsten absoluten Tagesbedarfe. In Entwicklungsländern, wo Getreide die Hauptproteinquelle darstellt, ist Lysinsupplementierung und Nahrungsfortifikation ein wichtiges Thema der öffentlichen Gesundheitsversorgung.

Vorkommen und Nahrungsquellen

Lysin ist die «starke» Aminosäure in Hülsenfrüchten und tierischem Fleisch, aber die «schwache» in Getreide:

  • Sehr reich: Rindfleisch, Thunfisch, Lachs, Hähnchenbrust, Eier, Parmesan, Hüttenkäse, Mozzarella.
  • Hülsenfrüchte: Kidneybohnen, Linsen, Kichererbsen, Sojabohnen (und Tofu/Tempeh) – pflanzliche Ausnahmen mit gutem Lysingehalt.
  • Vollständige pflanzliche Proteine: Quinoa und Amaranth liefern alle essentiellen Aminosäuren inkl. Lysin in akzeptablen Mengen.
  • Arm an Lysin: Weizen, Mais, Reis – deshalb ist die Kombination Getreide + Hülsenfrüchte ernährungsphysiologisch sinnvoll.
Lysin je 100 g (mg, gerundet)Rindfleisch~2200 mgThunfisch~2080 mgKidneybohnen~1340 mgQuinoa~619 mgWeizenbrot~270 mgWeizen hat wenig Lysin – die Kombination mit Hülsenfrüchten ergänzt das Aminosäuremuster
Tierische Proteine und Hülsenfrüchte sind lysinstark; Weizenprodukte dagegen lysinarm.

Funktion im Körper

Kollagenbildung

Lysin ist ein direkter Baustein von Kollagen. Ausserdem wird Lysin durch ein Enzym (Lysylhydroxylase) zu Hydroxylysin umgewandelt – ähnlich wie Prolin zu Hydroxyprolin. Hydroxylysin ist wichtig für die Quervernetzung der Kollagenfasern und für die Glykosylierung des Kollagens. Auch diese Reaktion erfordert Vitamin C als Kofaktor.

Calciumabsorption

Lysin kann die Calciumaufnahme im Darm verbessern und die Calciumausscheidung über den Urin verringern. EU-zugelassene Health Claims für Lysin bei Calciumabsorption bestehen nicht, aber der Mechanismus (Calciumtransport in Darmzellen) ist gut beschrieben.

Carnitin-Biosynthese

Der Körper bildet Carnitin (das für den Fettsäuretransport in die Mitochondrien wichtig ist) aus Lysin und Methionin, mit Hilfe von Vitamin C und B-Vitaminen. Ausreichend Lysin ist damit eine Voraussetzung für normale Carnitinspiegel.

Lysin und Herpes simplex (HSV-1)

In der Forschung und in Patientenberichten wird die Einnahme von L-Lysin mit einer reduzierten Häufigkeit von Herpes-simplex-Ausbrüchen (Lippenherpes) diskutiert. Der vorgeschlagene Mechanismus: Lysin und Arginin konkurrieren um denselben Transporter; Lysin kann die Argininspiegel senken, was das HSV-Wachstum hemmen könnte (HSV benötigt Arginin). Die Datenlage ist heterogen; einige placebokontrollierte Studien zeigen Effekte, andere nicht. Lysin ist kein zugelassenes Arzneimittel gegen Herpes. Dieser Text enthält keine Heilaussagen; bei Herpes-Infektionen ärztlichen Rat einholen.

Häufige Fragen

Was bedeutet «limitierende Aminosäure»?

In einer Mahlzeit oder Proteinguelle ist die limitierende Aminosäure diejenige, die am wenigsten vorhanden ist. Sie begrenzt, wie viel Protein der Körper aus dieser Quelle verwerten kann – ähnlich wie das schwächste Glied in einer Kette. In Getreide ist Lysin das schwächste Glied.

Wie decke ich meinen Lysinbedarf vegan?

Durch regelmässigen Verzehr von Hülsenfrüchten (Linsen, Bohnen, Tofu), Quinoa und Amaranth. Die klassische Kombination Reis + Bohnen ist ein gutes Beispiel: Reis ist arm an Lysin, Bohnen sind reich – zusammen ergibt sich ein vollständiges Aminosäuremuster.

Hilft Lysin gegen Lippenherpes?

Einige Studien zeigen, dass hohe L-Lysin-Dosen die Häufigkeit von Herpes-simplex-Ausbrüchen verringern können. Die Evidenz ist nicht eindeutig. Lysin ist kein Arzneimittel gegen Herpes; bei Beschwerden sollte ein Arzt konsultiert werden.

Was passiert bei Lysinmangel?

Echte Mangel in der westlichen Welt sind selten. Bei Monoernährung (z. B. nur Mais) oder sehr einseitiger Getreide-Kost kann Lysinmangel zu verlangsamtem Wachstum, Muskelabbau und Anämie führen. In Entwicklungsländern ist es ein relevantes Thema.

Wechselwirkt Lysin mit anderen Nährstoffen?

Lysin konkurriert mit Arginin um den gleichen Transporter im Darm und in Zellen. Sehr hohe Lysindosen können Arginin verdrängen. Calcium und Vitamin C sind Begleiter in wichtigen Lysin-Reaktionen (Kollagen, Carnitin).

Fazit

Lysin ist eine vielseitige essentielle Aminosäure mit zentraler Rolle in Kollagenaufbau, Calciumstoffwechsel und Carnitinbiosynthese. Als limitierende Aminosäure in Getreide ist sie besonders für Menschen relevant, die sich pflanzlich ernähren – Hülsenfrüchte und Quinoa sind die Lösung. Für gesunde Menschen mit abwechslungsreicher Ernährung ist die Versorgung gut gesichert. Supplements sind selten nötig, ausser in klinisch begründeten Situationen.

Quellen

  1. WHO/FAO/UNU: «Protein and Amino Acid Requirements in Human Nutrition», Technischer Bericht 935, 2007.
  2. EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies – Scientific Opinion on Dietary Reference Values for Protein, 2012.
  3. Griffith R.S. et al.: «Success of L-lysine therapy in frequently recurrent herpes simplex infection», Dermatologica, 1987.

Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.