Weidenrinde ist die getrocknete Rinde verschiedener Weidenarten (Salix-Spezies), vor allem Silberweide (Salix alba), die den Wirkstoff Salicin enthält – eine Vorstufe der Salicylsäure, aus der im Körper die schmerzlindernde Wirksubstanz entsteht. Weidenrinde ist als traditionelles pflanzliches Arzneimittel in der EU anerkannt und wird vor allem bei leichten Kopfschmerzen, Fieber und Gelenkbeschwerden eingesetzt.
| Botanik | Salix alba L. und andere Salix-Arten (Salicaceae) |
|---|---|
| Wirkstoff | Salicin → Saligenin → Salicylsäure (im Körper metabolisiert) |
| Studiendosis | 240 mg Salicin/Tag (standardisiert); Einnahme über mehrere Wochen |
| HMPC-Status | Traditional Use (EU) bei leichten Schmerzen, Fieber |
| Geschichte | Popularisiert durch Rev. Edward Stone (1757), nicht durch Hippokrates |
| Wichtig | NICHT für Aspirin-Allergiker, Kinder/Jugendliche mit Virusinfektionen, Schwangerschaft |
Weidenrinde ist eine der ältesten Heilpflanzentraditionender Welt. Archäologische Funde legen nahe, dass Weidenpräparate schon im Altertum verwendet wurden. Den entscheidenden Schritt zur modernen Nutzung machte der englische Pfarrer Edward Stone, der 1757 in einem Brief an die Royal Society über die fiebersenkende Wirkung von Weidenrindentee berichtete. Erst später wurde Salicin als Wirkstoff identifiziert und schliesslich die synthetische Acetylsalicylsäure (Aspirin®) entwickelt.
Wie wirkt Weidenrinde?
Salicin wird nach der Einnahme im Darm und in der Leber in Salicylsäure umgewandelt. Salicylsäure hemmt Enzyme, die an Entzündungs- und Schmerzprozessen beteiligt sind (Cyclooxygenase-Hemmung, ähnlich wie Aspirin, aber schwächer). Weidenrinde enthält daneben weitere phenolische Verbindungen (Flavonoide, Tannine), die möglicherweise synergistisch wirken – dies könnte erklären, warum Weidenrindenextrakt bei vergleichsweise wenig Salicin klinisch merkliche Wirkungen zeigt.
Klinische Evidenz
Das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der EMA hat für Weidenrindenextrakt mit mindestens 120–240 mg Salicin/Tag eine Monographie als „traditional use» anerkannt. Kleinere kontrollierte Studien sehen Hinweise auf Wirksamkeit bei chronischen Rückenschmerzen und Arthroseschmerzen. Die Wirkung tritt langsamer ein als bei synthetischer Acetylsalicylsäure und ist schwächer ausgeprägt.
Kontraindikationen – wen betrifft das?
Weidenrinde darf nicht eingenommen werden bei:
- Aspirin-Allergie (Acetylsalicylsäure-Überempfindlichkeit): strukturelle Verwandtschaft mit Salicylaten; Kreuzreaktionen möglich.
- Kinder und Jugendliche mit Virusinfektionen: wie bei Aspirin besteht das Risiko eines Reye-Syndroms (seltene, lebensbedrohliche Erkrankung); Weidenrinde ist für Personen unter 18 Jahren mit Virus-assoziierten Fieberzuständen kontraindiziert.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Salicylate können den Fötus beeinflussen; keine Selbstmedikation.
- Magen-Darm-Ulzera, Nieren- oder Lebererkrankungen.
Wechselwirkungen
- Blutverdünner (Warfarin, Heparin, neue orale Antikoagulanzien): Wirkungsverstärkung möglich; Blutungsrisiko.
- NSAIDs (Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen): additive Wirkung und Magenrisiko.
- Aspirin: ähnliche Wirkung; kombinieren vermieden.
Häufige Fragen
Ist Weidenrinde dasselbe wie Aspirin?
Nein. Weidenrinde enthält Salicin, nicht Acetylsalicylsäure. Im Körper entsteht Salicylsäure, aber auf anderem Weg und mit anderer Kinetik. Weidenrinde fehlt die für Aspirin typische, starke Thrombozytenhemmung.
Für wen ist Weidenrinde geeignet?
Für Erwachsene ohne Aspirin-Allergie, ohne schwere Magen-Darm-Erkrankung und ohne gleichzeitige Einnahme von Antikoagulanzien – und nur für leichte Beschwerden wie Kopfschmerzen, leichte Gelenk- und Muskelschmerzen.
Dürfen Kinder Weidenrinde einnehmen?
Nein, bei Virusinfektionen und Fieber ist Weidenrinde für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren kontraindiziert – analog zu Aspirin (Reye-Syndrom-Risiko).
Wie wird Weidenrinde eingenommen?
Am häufigsten als standardisierter Extrakt in Tabletten oder Kapseln (Dosisangabe: mg Salicin). Rindentee ist weniger standardisierbar. Die Dosierung orientiert sich an der HMPC-Monographie (240 mg Salicin/Tag als Erwachsenendosis).
Kann ich Weidenrinde in der Schweiz frei kaufen?
Ja, zugelassene Fertigarzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel auf Basis von Weidenrinde sind in Apotheken und Drogerien erhältlich. Fertigarzneimittel tragen eine Swissmedic-Zulassungsnummer.
Fazit
Weidenrinde ist eine traditionelle Heilpflanze mit plausiblem Wirkmechanismus und anerkannter EU-Monographie. Ihre wichtigste Einschränkung: wer gegen Aspirin allergisch ist oder Kinder mit fieberhaften Virusinfektionen behandeln will, darf sie nicht verwenden. Für alle anderen gesunden Erwachsenen mit leichten Schmerzen ist ein standardisierter Extrakt eine Option – als Ersatz für ärztliche Diagnose und Therapie taugt sie nicht.
Quellen
- EMA/HMPC: Community herbal monograph on Salix, cortex (EMA/HMPC/295338/2009).
- Chrubasik S et al.: Treatment of low back pain exacerbations with willow bark extract. Am J Med 2000.
- Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.) – Monographie Salicis cortex.
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.
