Der Fingerhut (Digitalis purpurea) ist eine zweijährige Gartenblume aus Europa, die zu den giftigsten Heilpflanzen der Welt zählt. Alle Pflanzenteile enthalten Herzglykoside – vor allem Digitoxin und Digoxin –, die in winzigen Mengen das Herz beeinflussen. Als Rohpflanze ist der Fingerhut für Menschen und Tiere hoch giftig und darf nicht selbst eingenommen werden.
| Wissenschaftlicher Name | Digitalis purpurea (Purpur-Fingerhut), Familie Plantaginaceae |
|---|---|
| Andere Arten | D. lanata (Woll-Fingerhut) – Hauptquelle für pharmazeutisches Digoxin |
| Giftige Wirkstoffe | Digitoxin, Digoxin, Deslanosid (Herzglykoside) – in allen Pflanzenteilen |
| Entdeckung medizinischer Nutzung | 1785, William Withering (England) |
| Zugelassenes Medikament | Digoxin (Lanoxin) – verschreibungspflichtig, bei Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern |
| Selbstmedikation | Absolut nicht geeignet – therapeutische und letale Dosis liegen sehr nahe beieinander |
Der Fingerhut blüht prachtvoll in lila, weiss und rosa – und ist dabei einer der gefährlichsten Sträucher im Garten. Sein medizinisches Potenzial war jahrhundertelang bekannt, bevor William Withering 1785 die Wirkstoffgruppe der Herzglykoside beschrieb. Heute ist das daraus isolierte Digoxin ein wichtiges Herzmedikament – aber nur unter strenger ärztlicher Aufsicht.
Botanik und Verbreitung
Digitalis purpurea stammt ursprünglich aus Europa und Nordafrika. Im ersten Jahr bildet die zweijährige Pflanze nur eine Blattrosette; im zweiten Jahr wächst ein bis zu 1,2 m hoher Blütenstängel mit charakteristischen, röhrenförmigen, fingerhutsähnlichen Blüten. Die oberen Blätter des Stängels enthalten mehr Glykoside als die unteren. Der Fingerhut ist in vielen Gärten als Zierpflanze beliebt und hat sich in Nordamerika eingebürgert. Im Volksmund heisst er auch Feenhut, Totenglöckchen oder Foxglove (englisch).
Geschichte der medizinischen Entdeckung
Der englische Arzt William Withering recherchierte jahrelang nach dem Wirkstoff eines Kräutertees, der eine Frau mit Wassersucht geheilt hatte. Er identifizierte 1785 den Fingerhut als wirksame Komponente und publizierte seine Ergebnisse – ein Meilenstein der medizinischen Geschichte, der als Beginn der modernen Pharmakologie gilt. Withering behandelte in den folgenden Jahren Hunderte von Patienten mit Herzinsuffizienz.
Wie Herzglykoside wirken
Herzglykoside hemmen die Natrium-Kalium-ATPase in Herzmuskelzellen. Dadurch steigt der Kalziumspiegel im Zellinneren, was die Kontraktionskraft des Herzens erhöht (positiv inotrop). Ausserdem verlangsamen sie die Herzfrequenz über den Nervus vagus (negativ chronotrop). Das ist der Mechanismus, der Digoxin zum Mittel bei Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern macht.
Vergiftungssymptome
Eine Fingerhut-Vergiftung (durch Verzehr von Pflanzenteilen oder Wasser, in dem Fingerhut stand) äussert sich durch:
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
- Verlangsamter oder unregelmässiger Herzschlag, Kollaps
- Sehstörungen (Farbsehen, Halos in Gelb-Grün-Weiss)
- Verwirrtheit, Halluzinationen, Desorientiertheit
- Schwäche, Schläfrigkeit
Bei Verdacht auf Vergiftung sofort Notruf: Tox Info Suisse 145 (CH), 030 19240 (DE), 01 406 43 43 (AT). Kein Erbrechen herbeiführen.
Digoxin als Medikament – heutige Verwendung
Reines Digoxin (meist aus D. lanata gewonnen) ist ein zugelassenes Medikament für Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern. Es wird unter regelmässiger Blutspiegel-Kontrolle eingesetzt, weil der therapeutische Index extrem eng ist. In den letzten Jahrzehnten ist sein Einsatz zurückgegangen, da neuere Herzmedikamente (Betablocker, ACE-Hemmer) bessere Sicherheitsprofile haben.
Häufige Fragen
Ist der Fingerhut wirklich so giftig?
Ja – alle Teile der Pflanze enthalten Herzglykoside. Selbst trockene Blätter oder Wasser, in dem Fingerhut gestanden hat, können gefährlich sein. Kleine Kinder und Tiere sind besonders gefährdet. Im Garten mit Handschuhen arbeiten und nicht in die Augen fassen.
Kann ich Fingerhut als Tee trinken?
Nein – auf keinen Fall. Fingerhut darf unter keinen Umständen als Tee oder Selbstmedikament eingenommen werden. Die toxische Dosis liegt gefährlich nahe an der «heilenden» Dosis.
Was ist der Unterschied zwischen Digitoxin und Digoxin?
Beides sind Herzglykoside aus Fingerhut-Arten. Digoxin (aus D. lanata) hat eine kurze Halbwertszeit (~1 Tag) und wird über die Nieren ausgeschieden. Digitoxin (aus D. purpurea) hat eine Halbwertszeit von ca. 7 Tagen und ist nicht nierenabhängig. Heute wird fast nur noch Digoxin eingesetzt.
Ist es sicher, Fingerhut im Garten zu haben?
Als Zierpflanze ist der Fingerhut harmlos, solange du ihn nicht anfasst oder issest. Handschuhe beim Gärtnern empfohlen; Kinder und Haustiere fernhalten, insbesondere von den attraktiven Früchten.
Wofür wurde Fingerhut in der Volksmedizin eingesetzt?
Historisch bei Abszessen, Kopfschmerzen, Ödem und Hautkrankheiten. Keine dieser Anwendungen ist heute belegt oder empfohlen. Alle historischen Volksmedizinanwendungen werden wegen des hohen Toxizitätsrisikos nicht mehr praktiziert.
Fazit
Fingerhut ist eine wunderschöne, aber für die Selbstmedikation absolut ungeeignete Pflanze. Sein Wirkstoff Digoxin ist ein wichtiges Herzmedikament – aber nur als pharmazeutisch reiner Stoff unter strenger ärztlicher Kontrolle. Als Gartenpflanze ist er in der Schweiz erlaubt; als Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel ist er nicht verkehrsfähig und gefährlich.
Quellen
- Withering, W.: An Account of the Foxglove, and some of its Medical Uses, 1785 (historische Quelle).
- Tox Info Suisse: Pflanzendatenbank – Digitalis purpurea (2025).
- Frohne, D. / Pfänder, H.-J.: Giftpflanzen, 6. Aufl. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.
