Ginkgo biloba ist ein lebender Fossil-Baum – die einzige noch existierende Art der Klasse Ginkgopsida – dessen getrocknete Blätter standardisierte Extrakte liefern, die in klinischen Studien vor allem bei Durchblutungsstörungen und altersassoziiertem kognitivem Abbau untersucht wurden. Der Spezialextrakt EGb 761 ist der meistgetestete pflanzliche Wirkstoff in der Neurologie. Die Datenlage ist gemischt: Einige Studien zeigen moderate Effekte bei Demenz und Angst, grosse Präventionsstudien schliessen hingegen einen Schutz vor Alzheimer-Erkrankung aus.
| Botanisch | Ginkgo biloba L., Klasse Ginkgopsida (Monotyp) |
|---|---|
| Hauptwirkstoffe | Flavonoide (Quercetin, Kaempferol, Isorhamnetin), Terpenoide (Ginkgolide A/B/C/J, Bilobalid) |
| Standardextrakt | EGb 761: 24 % Flavonglycoside, 6 % Terpenoide |
| Häufige Anwendungen | Kognition/Demenz, Tinnitus, periphere Durchblutungsstörungen, Angstreduktion |
| EU-Health-Claims | keine zugelassenen EFSA-Aussagen |
| EMA-Status | Well-established Use / Traditional Use für periphere Mikrozirkulation |
Ginkgo-Bäume können über 1000 Jahre alt werden und gelten als eine der ältesten Baumarten der Welt. Die Stadt Hiroshima kennt sechs Ginkgo-Bäume, die den Atombombenabwurf 1945 überlebten. In der traditionellen chinesischen Medizin werden die Samen (nicht die Blätter) seit Jahrhunderten genutzt – für medizinische Extrakte werden jedoch ausschliesslich die standardisierten Blattextrakte verwendet.
Wirkstoffe und Wirkungsmechanismen
Ginkgo-Blattextrakte enthalten zwei chemisch sehr unterschiedliche Wirkstoffklassen:
- Flavonoidglycoside (24 % im EGb 761): Quercetin, Kaempferol und Isorhamnetin wirken antioxidativ und hemmen die Lipidperoxidation in Zellmembranen. Sie neutralisieren freie Radikale.
- Terpenoide (6 % im EGb 761): Ginkgolid B hemmt den Plättchenaktivierenden Faktor (PAF), was die Thrombozytenaggregation reduziert. Bilobalid schützt Nervenzellen vor oxidativem Stress.
Zusammen führen diese Wirkstoffe zu verbesserter Mikrozirkulation, Erhöhung der Erythrozytenmembranflexibilität und möglicher Protektion von Neuronen gegen ischämischen Stress.
Klinische Studienlage
Demenz und Alzheimer
Die Datenlage ist gespalten. Mehrere ältere Studien und Metaanalysen zeigen moderate Effekte von EGb 761 (240 mg/Tag) auf Kognition und Alltagsfunktionen bei leichter bis mittelschwerer Demenz. Die grosse randomisierte GEM-Studie (Ginkgo Evaluation of Memory, USA, über 3000 Teilnehmer) fand jedoch keinen prophylaktischen Schutz von Ginkgo gegen die Entwicklung einer Alzheimer-Demenz. Fazit: Als unterstützende Massnahme bei bestehender Demenz gibt es Hinweise; als Prävention gilt Ginkgo als nicht wirksam.
Tinnitus und Schwindel
Für Tinnitus zeigen ältere Studien einzelne Hinweise auf Verbesserung, neuere und methodisch robustere Cochrane-Reviews finden jedoch keine überzeugenden Belege. Bei vestibulärem Schwindel sind die Daten etwas positiver, aber ebenfalls begrenzt.
Periphere Arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)
Studien zeigen Verbesserungen der schmerzfreien Gehstrecke bei PAVK im Stadium II (Claudicatio intermittens). Die EMA erkennt Ginkgo für Durchblutungsstörungen der Beine als traditional use an.
Angst
Eine Doppelblindstudie fand, dass EGb 761 (480 mg/Tag) bei generalisierten Angststörungen zu signifikanter Angstreduktion führte. Die Datenbasis ist jedoch schmal.
Sicherheit und Wechselwirkungen
- Antikoagulantien (Warfarin, Marcumar, Phenprocoumon): Ginkgolid B hemmt den Plättchenaktivierenden Faktor; kombiniert mit Blutverdünnern steigt das Blutungsrisiko erheblich. Strikte Kontraindikation oder ärztliche Überwachung nötig.
- Thrombozytenaggregationshemmer (ASS, Clopidogrel): Wechselwirkung möglich; gleichzeitige Einnahme nur nach Rücksprache mit dem Arzt.
- Statine (CYP3A4): Ginkgo kann den Metabolismus von Simvastatin und anderen Statinen beeinflussen.
- Antidepressiva (MAO-Hemmer, SSRIs): Vereinzelt Berichte von Serotonin-Syndrom-ähnlichen Symptomen bei gleichzeitiger Einnahme – Vorsicht geboten.
- Epilepsie: Ginkgo-Samen (nicht der Extrakt) enthalten 4-O-Methylpyridoxin, das bei Überdosierung Anfälle auslösen kann. Standardisierte Blattextrakte sind von dieser Problematik getrennt zu betrachten.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Aufgrund von Blutungsrisiken und unzureichender Sicherheitsdaten keine Einnahme empfohlen.
Häufige Fragen
Verbessert Ginkgo das Gedächtnis bei gesunden Menschen?
Für gesunde junge und mittelalte Erwachsene gibt es keine überzeugenden Belege, dass Ginkgo das Gedächtnis oder die kognitive Leistung verbessert. Grosse kontrollierte Studien finden keinen signifikanten Nutzen in dieser Gruppe.
Kann Ginkgo Alzheimer verhindern?
Nein – das belegt die grosse GEM-Studie (n > 3000) eindeutig. Ginkgo schützt nicht vor der Entwicklung einer Alzheimer-Demenz, auch bei langjähriger Einnahme nicht.
Welcher Ginkgo-Extrakt ist klinisch relevant?
Fast alle relevanten klinischen Studien wurden mit dem standardisierten Extrakt EGb 761 (Dr. Willmar Schwabe GmbH) durchgeführt: 24 % Flavonglycoside, 6 % Terpenoide. Produkte ohne Angabe des Extraktstandards sind nicht direkt vergleichbar.
Darf ich Ginkgo zusammen mit Blutverdünnern nehmen?
Das ist medizinisch riskant. Ginkgolid B hemmt die Thrombozytenaggregation; zusammen mit Antikoagulantien oder ASS erhöht sich das Blutungsrisiko erheblich. Ärztliche Abklärung ist zwingend erforderlich.
Hilft Ginkgo bei Tinnitus?
Die Evidenz ist schwach. Ältere Studien zeigten einzelne positive Signale, neuere Cochrane-Reviews fanden keinen überzeugenden Beleg für Wirksamkeit bei Tinnitus.
Fazit
Ginkgo biloba ist einer der meistuntersuchten Pflanzenstoffe der Welt – mit einer ambivalenten Bilanz. Bei bestehender leichter Demenz gibt es moderate Hinweise auf Nutzen; als Prophylaxe oder für gesunde Menschen ist der Effekt nicht belegt. Die antikoagulante Wirkung macht Ginkgo zu einem Präparat mit relevantem Wechselwirkungspotenzial, das nicht ohne ärztliche Abklärung zusammen mit Blutverdünnern eingenommen werden sollte.
Quellen
- DeKosky, S.T. et al. (2008): Ginkgo biloba for Prevention of Dementia. JAMA 300(19):2253–2262 (GEM-Studie).
- European Medicines Agency (EMA): Community Herbal Monograph on Ginkgo biloba – EMA/HMPC/321706/2012.
- Birks, J. / Grimley Evans, J. (2009): Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. Cochrane Database Syst. Rev.
Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.
