Wermut

Kurze Antwort

Wermut (Artemisia absinthium) ist eine aromatische Kräuterpflanze aus der Familie der Korbblütler, die seit der Antike als Bittermittel, Heilkraut und Zutat für Spirituosen wie Absinth bekannt ist. Der Wirkstoff Thujon macht die Pflanze bei hohen Dosen toxisch; daher ist die Einnahme von Wermutpräparaten nur kurzfristig und in kleinen Mengen vertretbar.

Wermut auf einen Blick
Wissenschaftlicher Name Artemisia absinthium, Korbblütler (Asteraceae)
Heimat Europa, Westasien; naturalisiert weltweit
Hauptwirkstoffe Thujon (α- und β-), Absinthin, Anabsinthin, Bitterstoffsäuren
Bekannt durch Absinth-Herstellung; historisches Heilkraut (Magenbitterstoffe)
Risiko Thujon: ZNS-Toxin, kann bei Überdosierung Krämpfe auslösen
Rechtslage CH/EU Absinth erlaubt bei Thujongehalt <35 mg/kg; keine EU-Health-Claims für Wermut

Wermut fasziniert und warnt zugleich: Als Hauptzutat von Absinth stand er im 19. Jahrhundert für ein ganzes Bohème-Zeitalter, bevor er wegen angeblicher Halluzinationen verboten wurde. Heute ist bekannt, dass Thujon – nicht der Alkohol – für die neurotoxische Wirkung verantwortlich ist. Was steckt hinter dem alten Heilkraut?

Botanik und Geschichte

Der Echte Wermut wächst als silbrig-grauer, stark aromatischer Strauch auf trockenen, sonnigen Standorten. Schon vor 2800 Jahren war er in Mesopotamien als Heilpflanze bekannt. Im Mittelalter galt er als eine der wichtigsten Arzneipflanzen Europas – gegen Würmer, Magenbeschwerden und Fieber. Der Name «Absinthium» geht auf das griechische Wort für «ohne Genuss» zurück – ein Hinweis auf den extremen Bittergeschmack.

Absinth und die Belle Époque

Ab dem 19. Jahrhundert wurde Absinth, ein hochprozentiger Anisschnaps mit Wermutextrakt, zum Modestoff in Pariser Künstlerkreisen. Van Gogh, Toulouse-Lautrec und Rimbaud tranken ihn. 1915 wurde Absinth in vielen Ländern verboten – nicht wegen Thujon, sondern hauptsächlich wegen des hohen Alkoholgehalts und des Drucks der Weinindustrie. Seit 2005 ist Absinth in der EU wieder erlaubt, sofern der Thujongehalt 35 mg/kg nicht übersteigt.

Wirkstoffe und Toxikologie

Der entscheidende Wirkstoff ist Thujon (α-Thujon und β-Thujon), ein zyklisches Monoterpen, das als ZNS-Toxin wirkt. Es blockiert GABA-A-Rezeptoren im Gehirn und kann so krampfartige Reaktionen auslösen. Die Bitterkeit stammt aus den Sesquiterpenen Absinthin und Anabsinthin, die für die appetitanregende und digestive Wirkung verantwortlich gemacht werden.

Wermut-Dosierung und EffekteNiedrig (als Bittermittel)AppetitanregendVerdauungsunterstützendMagenbitter-EffektHoch (Tee/Supplement)ZNS-StimulationNervosität, KopfschmerzKrampfrisikoSehr hoch / dauerhaftEpileptische AnfälleNierenschädenLebertoxizität
Kleine Mengen Wermut als Bittermittel sind traditionell gebräuchlich – hohe Dosen oder dauerhafte Einnahme können toxisch sein.

Traditionelle Anwendungen und heutiger Stand

Historisch wurde Wermut eingesetzt gegen:

  • Verdauungsbeschwerden – die Bitterstoffe regen die Magensaftsekretion und Gallenproduktion an; dieser Effekt ist pharmakologisch gut erklärt.
  • Wurminfektionen (daher «Wermut» – werben = vertreiben) – Artemisinin-Verwandte aus dieser Pflanzengattung sind tatsächlich antiparasitär.
  • Morbus Crohn – eine kleine Studie (2007) zeigte Verbesserungen, aber keine ausreichende Evidenz für eine Empfehlung.

Die EFSA hat keine gesundheitsbezogenen Aussagen für Wermut zugelassen. In der Phytotherapie ist Wermut als Tee-Droge oder Tinktur in kleinen Mengen traditionell anerkannt, aber keine anerkannte Therapie.

Kontraindikationen und Wechselwirkungen

Wermut ist kein harmloses Küchenkraut in grossen Mengen. Besonders wichtig:

  • Schwangerschaft: Wermut wirkt uterusstimulierend und kann Wehen auslösen – in der Schwangerschaft strikt verboten.
  • Epilepsie: Thujon kann Krampfschwellen senken – Wermutprodukte bei Epilepsie kontraindiziert.
  • Nierenerkrankungen: Dauerhafte Einnahme belastet die Nieren.
  • Medikamente: Wechselwirkungen mit Antikonvulsiva (Phenytoin, Carbamazepin) und Warfarin (Blutgerinnungshemmer) möglich.
  • Dauer: Traditionell maximal 4 Wochen kontinuierliche Einnahme.

Häufige Fragen

Kann Wermut Halluzinationen auslösen?

Das war der Mythos rund um Absinth. In pharmakologischen Mengen wird Thujon nicht nachweislich halluzinogen. Die Legenden aus dem 19. Jahrhundert entstanden vermutlich durch den hohen Alkoholgehalt des Absinth, nicht durch Wermut selbst.

Ist Absinth heute legal?

Ja – in der Schweiz, der EU und vielen anderen Ländern, sofern der Thujongehalt unter 35 mg/kg liegt. Schweizer Absinth aus dem Val-de-Travers ist eine gesetzlich geschützte Spezialität.

Wie unterscheidet sich Wermut von Beifuss?

Beifuss (Artemisia vulgaris) ist ein nah verwandtes Kraut, ebenfalls aus der Gattung Artemisia, aber weniger reich an Thujon. Trotzdem gilt auch für Beifuss: nicht in der Schwangerschaft und nicht dauerhaft in grossen Mengen.

Gibt es medizinisch anerkannte Artemisia-Präparate?

Ja – aber aus einer anderen Art: Artemisinin aus Artemisia annua ist ein WHO-anerkanntes Antimalaria-Medikament und revolutionierte die Malariabehandlung. Das ist aber nicht identisch mit echtem Wermut.

Kann ich Wermut als Tee trinken?

In kleinen Mengen und maximal 4 Wochen gilt Wermuttee in der traditionellen Pflanzenheilkunde als gebräuchlich (z. B. 1 Teelöffel Droge auf 150 ml heisses Wasser). Nicht in der Schwangerschaft, nicht bei Epilepsie, nicht bei Nierenerkrankungen.

Fazit

Wermut ist eine faszinierende Heilpflanze mit echter Bitterstoffwirkung und langer Geschichte. Als Magenbitter in kleinen Mengen hat er eine plausible pharmakologische Basis. Wegen des ZNS-toxischen Thujon muss die Einnahme kurz und dosiert bleiben – Überdosierung ist nicht harmlos. Heilversprechen sind in der EU nicht zugelassen; Schwangere, Epileptiker und Menschen mit Nierenproblemen sollten Wermut meiden.

Quellen

  1. Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.): Monographie Wermut (Artemisiae absinthii herba).
  2. Lachenmeier, D. W. et al.: Thujone revisited – what was really the problem with absinthe? Journal of Agricultural and Food Chemistry, 2008.
  3. Omer, B. et al.: Steroid-sparing effect of wormwood (Artemisia absinthium) in Crohn’s disease. Phytomedicine, 2007.

Redaktioneller Lexikon-Beitrag von gdp.ch · informativ, keine Heil- oder Gesundheitsversprechen · zuletzt geprüft 2026.